Adipositas – eine Volkskrankheit auf dem Vormarsch

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Die Zahl der übergewichtigen und adipösen Menschen nimmt seit Jahrzehnten vor allem in den westlichen Industrienationen stetig zu. Allein in Deutschland gelten zwei Drittel der erwachsenen Männer (18-79 Jahre) und die Hälfte der erwachsenen Frauen als übergewichtig oder adipös. Eine weitere alarmierende Beobachtung ist die epidemische Zunahme der Übergewichtigkeit bei Kindern. 15 % der Kinder zwischen 3 und 17 Jahren sind übergewichtig, die Hälfte davon ist adipös.

Übergewicht an sich gilt zunächst nicht als Krankheit. Bei Überschreitung eines bestimmten Maßes kann es aber krankhaft werden und wird dann als Adipositas oder Fettleibigkeit bezeichnet. Je nach Fettverteilung erhöhen sich die Risiken von Folgekrankheiten, wie z.B. Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauferkrankungen und Gelenk- und Rückenbeschwerden. Die Therapie ist langwierig und schwer, da sie auf ganzheitlicher Ebene erfolgen muss. Meist hilft langfristig nur die Änderung des Lebensstils, vor allen Dingen in Bezug auf Ernährung und Bewegung. Hiermit sind viele Betroffene überfordert. Am einfachsten ist es, frühzeitig ausreichende Präventionsmaßnahmen zu treffen, damit es erst gar nicht zur Krankheitsform kommt.

Berechnung des Übergewichts leicht gemacht

Im Allgemeinen wird zuallererst der Body-Mass-Index (BMI) zur Rate gezogen, um eine Übergewichtigkeit zu bestimmen und einzuordnen. Der BMI ist international akzeptiert und ist dazu leicht zu berechnen. Er ist definiert als das Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Meter. Die daraus resultierende Zahl gibt Aufschluss darüber, ob Übergewicht herrscht und wenn ja, in welchem Ausmaß. Die Klassifizierungen reichen von Normalgewicht, Übergewicht bis zu Adipositas Grad I-III. Übergewicht fängt ab einem BMI von 25 an und endet bei 29,9. Ab einem BMI von 30 beginnt die Adipositas (geltend für Erwachsene). Das heißt bei einer Größe von 170 cm gilt eine Person als adipös, wenn sie 86,7 kg oder mehr wiegt.

Auch der BMI ist natürlich nur ein Orientierungspunkt und ersetzt keine gründliche Untersuchung eines examinierten Arztes. Der BMI korreliert mit der Fettmasse zu 95% und ist daher das bekannteste und soweit beste indirekte Maß zur Bestimmung des Körperfettanteils. Nichtsdestotrotz misst er nicht den direkten Fettanteil, da der Körperbau und die Muskelmasse nicht mit einberechnet werden. Daher würden Personen mit besonders hohen Muskelanteilen (z.B. Bodybuilder) theoretisch als übergewichtig oder sogar adipös gelten.

Als weiteres wichtiges Maß neben dem BMI steht das Verhältnis vom Taillen- zum Hüftumfang. Damit wird das Fettverteilungsmuster berücksichtigt, welches beim BMI vernachlässigt wird. Es ist wichtig, da sich ein Ungleichgewicht zugunsten des Bauchspecks besonders negativ auswirkt. Die Vermehrung der viszeralen Fettmasse (also um den Bauchraum herum, auch „Apfelform“ genannt) geht mit einem besonders hohen Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen einher. Errechnet wird das Verhältnis, indem der Umfang der Taille durch den der Hüfte geteilt wird (wichtig: gleiche Einheit). Bei Frauen darf das Verhältnis nicht mehr als 0,85 betragen, bei Männern nicht mehr als 0,9. Fällt es größer aus, liegt eine abdominale Adipositas vor.

Ursachen – Erklärungsansätze für Übergewicht und Adipositas

Primär entsteht Übergewicht, wenn mehr Energie (Kalorien) aufgenommen wird als verbraucht wird. Die Eigenschaft, Energiespeicher in Form von Fettpolstern anzulegen, war zu Urzeiten überlebenswichtig. Die Unregelmäßigkeit des Nahrungsangebots musste über Fettreserven ausgeglichen werden. Noch heute leiden viele Millionen Menschen weltweit an Hunger. Auf der anderen Seite jedoch besteht in vielen Ländern der Welt ein Überangebot an Nahrungsmitteln. Die Fähigkeit zur Energiespeicherung für schlechte Tage hat somit für Teile der Weltbevölkerung an Bedeutung verloren.

Die naheliegendste und bedeutendste Ursache für Übergewicht ist die falsche Ernährung: zu viel Fett, zu viele kurzkettige Kohlenhydrate und Zucker. Dies bedeutet eine Ernährung, die vermehrt aus Fast Food, Süßigkeiten und zuckerhaltigen Erfrischungsgetränken besteht. Auch der übermäßige Konsum von Alkohol wird oft mit Adipositas in Verbindung gesetzt.

Ein weiterer offensichtlicher Grund, der in den meisten Fällen in den Krankheitsverlauf mit einspielt, ist der Bewegungsmangel. Nicht nur das Auslassen eines Sportprogramms ist hiermit gemeint. Auch die gezielte Umgehung von alltäglichen Bewegungen, wie z.B. Aufzugfahren anstelle von Treppensteigen oder Autofahren anstelle von Fußwegen, können in der Summe das Krankheitsbild heraufbeschwören. Nur wer sich täglich bewegt, bleibt fit und gesund.

Zu den weniger bekannten Ursachen zählen beispielsweise genetische Faktoren, seelische Belastungen, Stoffwechselkrankheiten, Nebenwirkungen von Medikamenten oder sogar mütterliche Faktoren, die während der Schwangerschaft Auswirkungen auf das Ungeborene haben.

Zahlreiche Studien legen nahe, dass Fettleibigkeit bis zu etwa 50% genetisch veranlagt sein könnte. Es ist jedoch keineswegs bekannt, welche einzelnen Gene dabei die entscheidende Rolle spielen. Eines der wichtigen Gene wurde jedoch schon 1994 entdeckt, als man in Mäusen einen Gendefekt erkannte, der die Mäuse fettsüchtig und bewegungsfaul machte. Das defekte, sogenannte ob-Gen existiert auch im Menschen. Es kodiert ein Protein namens „Leptin“.

Übergewicht und der Botenstoff Leptin

Leptin gilt als zentraler Regulator des Energiestoffwechsels. Es wird im weißen Fettgewebe produziert und von dort in die Blutbahn abgegeben. Es passiert die Blut-Hirn-Schranke und wirkt als Sättigungsfaktor im Hypothalamus des Gehirns. Durch Leptin-Entzug werden Tiere gefräßiger und durch Vergabe wird die Futteraufnahme der Tiere gebremst. Darüber hinaus werden die Tiere sogar aktiver, wenn sie Leptin injiziert bekommen. Da Leptin im Fettgewebe gebildet wird, ist der Leptinspiegel in adipösen Menschen höher als in Schlanken. Trotzdem hat das Leptin dort nicht den erwarteten Effekt. Man geht davon aus, dass adipöse Personen an einer Leptinresistenz leiden. Die Wissenschaft forscht intensiv daran, wie Leptin zur Therapie von Adipositas verwendet werden kann und wie die genauen Zusammenhänge der Resistenzentwicklung aussehen.

Behandlung – Mit einer Lebensstiländerung lässt sich Adipositas am besten bekämpfen

Eine Körpergewichtsreduktion ist immer eine therapeutische Notwendigkeit, da adipöse Patienten ein sehr hohes Risiko für Folgekrankheiten besitzen. Auch wenn die Bewegungsintegration in den Alltag in der Therapie unterstützend wirken kann, steht zu allererst die Ernährungsumstellung auf dem Plan. Je einfacher diese umzusetzen ist, je höher ist das Erfolgsversprechen. Oft scheitern Betroffene nämlich an der Integration des neuen Ernährungsplans in den Alltag. Die Umsetzung ist für die meisten eine Herausforderung, da Essgewohnheiten normalerweise bereits viele Jahre existieren. Um neue Gewohnheiten zu erlernen, benötigt man viel Selbstdisziplin und Ausdauer. Schätzungen zu Folge scheitern bis zu 85% der Diäten. Daher ist es wichtig in den Therapiestunden genau auf den Patienten einzugehen und Pläne auf persönlicher Ebene zu erstellen. Denn nur mit entsprechenden Personalisierungsstrategien kann das Voranschreiten der Adipositas-Epidemie aufgehalten werden.

Den Blutzuckerspiegel stabilisieren

Eine niedrig-glykämische Ernährung ist ein guter Ansatz für eine Ernährungsumstellung. Diese Ernährungsweise versucht den Blutzuckerspiegel konstant zu halten. Denn das starke Schwanken des Blutzuckerwerts erhöht das Risiko, Übergewicht zu entwickeln und, mehr zu essen, als man benötigt. Durch einen zu hohen Blutzuckerspiegel wird vermehrt Insulin ausgeschüttet. Sind die Betroffenen bereits peripher Insulin-resistent (sehr häufig bei Adipositas-Patienten) stellt dies die Weichen für das Metabolische Syndrom. Das Metabolische Syndrom ist ein weiterer Ausgangspunkt für Folgeerkranken wie Typ-2-Diabetes, Herzinfarkt oder Niereninsuffizienz. Oft wird diese Stoffwechselstörung auch mit Krebserkrankungen in Verbindung gebracht, darunter vor allen Dingen Darm- und Brustkrebsarten. Auch chronische Entzündungskrankheiten können durch das Metabolische Syndrom hervorgerufen oder verstärkt werden. Durch eine niedrig-glykämische Ernährungsweise kann das Hungergefühl reduziert werden und die Kalorienaufnahme sinkt. Leider reagieren verschieden Menschen teilweise auf identische Nahrungsmittel unterschiedlich. Daher ist auch an dieser Stelle eine personalisierte Diät notwendig.

Unsere Darmbakterien

Einer der Hauptgründe für die individuelle Reaktion des Blutzuckerspiegels auf identische Nahrungsmittel ist der Aufbau der Darmflora. So wurden in einer Studie die Darmflora-Kompositionen der Testteilnehmer in die Berechnung des erwarteten Blutzuckerspiegels mit einberechnet. Das Ergebnis war eine vielfach exaktere Vorhersage des Blutzuckerspiegels (Proof-of-Concept). Nahrung wird durch Darmbakterien verstoffwechselt. Sind unterschiedliche Bakterien oder unterschiedliche Anteile an Bakterien beteiligt, führt dies zu individuellen Dynamiken. Bakterielle Metaboliten, die als Botenstoffe den Blutzuckerspiegel mitbestimmen, werden also in unterschiedlichen Mengen produziert. Somit sind allgemeine Ernährungsempfehlungen oft erfolgslos. Eine personalisierte Analyse unter Berücksichtigung der Darmflora ist nötig, um langfristige Erfolge verbuchen zu können.

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Bildnachweise
Beitragsbild: © Bru-nO / Pixabay
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